Die Artenvielfältige. Verena Noflatscher

Am Kircherhof in Albeins wächst eine Vielzahl an Vielfalt. Äpfel verschiedenster Sorten, aber auch Gemüse. Für sich, für den Verkauf und auch für das biozertifizierte Gasthaus.

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Der Kircherhof in Albeins, einen Steinwurf weit von Brixen. Ein typischer Selbstversorgerhof, immer schon. Man baut an, was man selbst braucht. Der Rest wird verkauft.
Verena, die den Hof heute führt, macht das noch genauso, wie ihr Vater damals. Aufgewachsen war dieser noch im Kleinen: Ein paar Apfelwiesen, ein paar Kühe, Schafe und eine Streuobstwiese. Irgendwann reifte die Idee zum Apfelanbau, wie bei vielen anderen Südtirolern auch. Und man hat nebenbei aber auch noch Gemüse angebaut, im großen Stil. Für Supermärkte der Umgebung und das eigene Gemüsegeschäft.

Viel Arbeit, aber für den Vater noch nicht genug. Er wollte auch immer schon ein Gasthaus haben, aber durch die 4 kleinen Kinder, eines davon im Rollstuhl, hat seine Frau immer etwas dagegengehalten. Dann hat man 2003 den Stadel saniert, im Obergeschoss Wohnungen gebaut. Und plötzlich war dann im Untergeschoss ein schöner großer Raum frei, wo man sich überlegt hatte, dass sich da gut nochmal 2 Wohnungen ausgehen würden. Aber diesmal hielt der Vater dagegen. Startschuss für seinen Traum vom eigenen Gasthaus.

Vielleicht etwas blauäugig, denn er war kein geborener Gastwirt. Er war Bauer, durch und durch. Aber man wuchs hinein, packte gemeinsam an, wo es ging.
Auch Verena. Sie hatte die Landwirtschaftsschule gemacht, hatte studiert, war dann ein halbes Jahr lang in Russland, zum Studieren in Moskau. Sie suchte den Abstand, wollte mal weg von allem, auch um den Kopf frei zu kriegen. Sie kam dann aber wieder zurück, ins schöne Südtirol. Bewusst. Sie stieg dann mit ins Gasthaus ein, hat es übernommen und zusammen mit ihrem Vater geführt. Ihre Schwester Barbara hatte es damals in die Schweiz verschlagen, wo sie eine Hotellerie- und Gastroausbildung machte. Aber auch sie hatte den Wunsch, wieder zurückzukommen, ins schöne Südtirol. Verena hatte das sehr begrüßt, der Betrieb war ja nicht klein und jede Hand war wertvoll. Ihre, die ihrer Schwester und auch die vom Mann der Schwester, ein gelernter Koch.

Und so kam es nicht von ungefähr, dass Verena die Gasthaus-Bühne dann freimachte, für ihre Schwester und ihren Mann. Es gab ja sonst noch viel zu tun, mit den Ferienwohnungen, dem ganzen Rundherum oder der Bürokratie, mit der sich der Vater nie so recht anfreunden wollte.

Lieber war er draußen in den Wiesen, bei seinen Bäumen. Als er dann 2023 plötzlich verstarb, war Verena es, die die Zügel in die Hand nehmen musste. Im Sinne der Sache. Für Tatas Erbe, für den Hof, für die Familie und für die Mitarbeiter, die teils schon über 10 Jahre dazu gehören. Sie wuchs schnell hinein in ihre Rolle. Man stand zusammen, brachte alles recht gut weiter. Gemeinsam. Gemüse baut man immer noch selbst an, nicht mehr ganz im großen Stil, aber so, dass es für den Gasthof reicht. Und für den kleinen Hofladen und zwei Händler, die ihnen gern ihre frischen Produkte abnehmen.

Knapp 6 Hektar sind es dagegen, auf denen Verena Äpfel anbaut, mit einer ganzen Reihe an verschiedenen Sorten. Der Schritt Richtung Bio war für Verena und ihren Papa damals, im Jahr 2016, eigentlich vorerst nur ein halber Schritt. Die Überzeugung zwar immer eine ganze, aber die Umstellung zum Start nur eine halbe. Man war vorsichtig, wollte es eine Stufe langsamer angehen. Um auch hier hineinzuwachsen. Im Gasthaus war man eigentlich immer schon irgendwie der Meinung, dass all die Erzeugnisse am Hof rein naturbelassen wären. Für Verena war es dann mehr eine logische Konsequenz, endlich den Schritt zu wagen. Ein guter Anlass. Der Papa selbst stand voll dahinter. Er überließ Verena die Entscheidung, hatte ganzes Vertrauen in sie. Zuerst wars nur der halbe Hof, dann irgendwann der ganze.

Hier im schönen kleinen Dorf Albeins gibt es an die 10 Bauern, aber Verena ist die Einzige, die biologisch anbaut. Bonita, Natyra®, Golden Delicious und noch ein paar weitere. Für sie ist es kein großes Ding, dass sie „anders“ ist. Für sie ist es der richtige Weg. Das, was sich richtig anfühlt. Sie muss sich vor niemanden rechtfertigen – eher ist es oft umgekehrt, schmunzelt sie.

Der richtige Weg, und die richtige Einstellung. Verena sieht den Hof nicht als Besitz, sondern als etwas, an dem sie mitwirken kann. Etwas, das dann wieder weitergeht, so wie es seit dem 12. Jahrhundert schon ist und so wie es auch in Zukunft sein wird. Vorausgesetzt natürlich, die Kinder haben genauso Freude dran, wie sie es hat. Ihr Dreijähriger vielleicht, der jetzt schon immer mit dabei ist, wenn sie draußen ist, in den Wiesen und Feldern. Oder ihr zweites, das gerade in ihrem Bauch heranwächst.

Ein Hase wohnt immer noch hier am Hof. Mit ihm 3 Ziegen und 10 Hennen. Verena hat Freude daran, ihnen zuzusehen. Und sie hat Freude an der Vielfalt, mit allem, das wächst. Mit Blumen, beispielsweise, die man im Gasthaus nutzt, mit denen man Tisch und Teller schmückt. 

Und mit ihrer Gemüsevielfalt: Zucchini, Gurken, Tomaten, Melanzani, Radieschen, Peperoni, Chili, sogar Wassermelonen wachsen hier. Kraut, Blaukraut, Pastinaken, Schwarzwurzeln, Karotten, Artischocken. Von März bis November hat Verena und ihre Helfer hier ordentlich im Feld zu tun. Und ein großer Teil an Arbeit geht in den Winter hinein. Dann wird fleißig eingekocht, eingelegt und vorbereitet. Für Antipasti im Gasthaus, fürs Frühstücksbuffet der Ferienwohnungen, oder für den Hofladen. Sirups, Marmeladen, Eingelegtes. Das Gasthaus ist seit kurzem mit dem Silberstatus der Zertifizierung „Bio Fair Südtirol“ von Bioland ausgezeichnet. Damit muss ein festgelegter Anteil der Produkte, die verwertet werden, bio sein.
Bio ist richtig, sagt Verena. Genauso wie regional. Laut ihr ein echter Wert, der sogar oft noch höher einzustufen wäre. Und saisonal, denn hier im Gasthaus wird ganz oft nur das verwertet, was die Felder hergeben. Man geht zuerst aufs Feld, schaut sich an, was reif ist. Und schreibt erst dann das Menü.

Es ist eine andere Denke, eine andere Herangehensweise. Aber es ist die, die sich für Verena richtig anfühlt. Ganz wie der Biss in einen ihrer knackig-frischen Äpfel.


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